Scenario

1649-8526Jahrgang IAusgabe 1Jahrgang 2007

Vorwort

Liebe SCENARIO-Leserinnen und Leser,

während der Konferenz Drama and Theatre in the Teaching and Learning of Language, Literature and Culture (September 2003, Cork) enstand die Idee einer Zeitschrift für ein Fachpublikum, das sich speziell für den Brückenbau zwischen der Kunstform Drama/Theater und dem fremd- bzw. zweitsprachlichen Unterrricht interessiert. Als die Internationale Deutschlehrertagung 2005 in Graz stattfand, wurde dann in der Sektion ‘Dramapädagogik und experimentelle Lernformen’ das Rohkonzept dieser Zeitschrift vorgestellt.

Wir Herausgeber freuen uns sehr, dass nach mehrjähriger Reifezeit dieses Projekt nun Wirklichkeit geworden ist und die erste Ausgabe von SCENARIO termingerecht erscheint. Die positive Resonanz auf unseren ersten ‘Call for Papers’ mit dem Titel Die Kreation von Scenario(s): Drama und Theater im Sprachunterricht war sehr ermutigend und ist unseres Erachtens symptomatisch für ein weltweit zunehmendes Interesse an Formen drama-/theaterpädagogischer Unterrichtsgestaltung.

Wir hoffen, dass diese erste Ausgabe von SCENARIO ein Startsignal setzt für eine engagierte Fachdiskussion unter Sprachlehrforschern, Sprachlehrern, Drama- und Theaterpädagogen, professionell Theaterschaffenden, Schul- und Hochschuldidaktikern.

Auf der Homepage von SCENARIO findet sich ein Link zum Profil der Zeitschrift; die dort gelisteten Informationen vermitteln einen Eindruck von dem breiten Spektrum möglicher Diskussionsebenen. Wir sind bereits neugierig auf die Manuskripteinsendungen für die zweite Ausgabe, die im Herbst 2007 erscheinen wird (Abgabefrist für Beiträge: 1. Juli).

In dieser Ausgabe ebnen neun Autorinnen und Autoren – 3 aus irischer, 3 aus deutscher, 2 aus US-amerikanischer und 1 aus mexikanischer Perspektive - den Weg in die Fachdiskussion, wobei der fremdsprachliche Deutsch- und auch Englischunterricht berücksichtigt wird.

Eröffnet wird sie durch die Beiträge von Sheree Borge (Cork Institute of Technology) und Anna Weiss (Dublin City University), die über ihre Erfahrungen mit Dramapädagogik im Fremdsprachenunterricht an irischen Hochschulen berichten.

Borge reflektiert dabei insbesondere über die Schwierigkeiten, die auftreten können und die es zu überwinden gilt, wenn eine Lehrperson dramapädagogische Arbeitsformen im Unterricht neu einsetzt. Aus der Analyse ihrer eigenen Lehrerfahrungen erwachsen konkrete Handlungsanweisungen für Kolleginnen und Kollegen, die erstmalig den Schritt in die dramapädagogische Unterrichtspraxis wagen.

Weiss bezieht sich im ersten Teil ihres Artikels auf theoretische Grundlagen von ‘Drama in Education’, um dann im zweiten Teil anhand konkreter Beispiele zu demonstrieren, wie irische Germanistik-Studierende behutsam an die dramapädagogische Arbeitsweise heran geführt wurden. Auf der Basis ihrer eigenen positiven Erfahrungen plädiert sie am Ende ihres Beitrags für einen verstärkten Einsatz von dramapädagogischen Arbeitsformen vor allem auch in Hochschulseminaren.

Die folgenden zwei Beiträge beziehen sich auf das Thema ‘Dramapädagogik im Anfängerunterricht’, das bislang in der Fachdiskussion lediglich eine marginale Rolle spielte.

Bettina Matthias (Middlebury College, Vermont) setzt sich mit der Theorie und Praxis des Improvisationstheaters nach Viola Spolin auseinander. Anhand ihrer Erfahrungen mit amerikanischen Germanistik-Studierenden beschreibt sie ein Stufenmodell für die Improvisationsarbeit mit Anfängern, das im Rahmen eines dreiwöchigen experimentellen Workshops erprobt wurde. In ihren Reflexionen bezieht sie sich immer wieder auf das unterichtliche Handlungsmotto ‘Zeige, versprachliche nicht!’. Auf diese Weise betont sie den wichtigen Stellenwert körpersprachlicher Aktivierung im Anfängerunterricht, um vor allem kognitive und psychologische Barrieren zu überwinden und Freiräume für das Experimentieren mit der unbekannten Sprache zu schaffen.

Ulrich Wettemann (Centro de Idiomas, Puebla, Mexiko) signalisiert in seiner Überschrift, dass Anfängerunterricht auf keinen Fall ‘trocken’ sein sollte und zeigt anhand einer dramapädagogischen Modelleinheit für die ersten DaF-Stunden, wie Fremdsprachenunterricht auf Grundstufen-Niveau lebendig gestaltet werden und zu schnellen Sprachlernerfolgen führen kann. Die Modelleinheit wird untermauert durch theoretische Überlegungen, in denen wichtige Hypothesen des Spracherwerbs und Konzepte des autonomen Lernens auf den dramapädagogischen Ansatz bezogen werden.

In den folgenden drei Beiträgen konzentrieren sich die Autorinnen Ulrike Brisson (Worcester Polytechnic Institute, Massachussetts), Maria Eisenmann (Pädagogische Hochschule Freiburg) und Christiane Lütge (Universität Bremen) auf literaturdidaktische Fragestellungen.

Nach einem theoretischen Vorspann zur Begründung dramapädagogischer Arbeitsformen für den Fremdsprachenunterricht des 21. Jahrhunderts setzt sich Brisson intensiv mit Schewe und Wilms’ (1995) didaktischer Bearbeitung von Alfred Anderschs Roman Sansibar oder der letzte Grund auseinander. Ähnlich wie bei Borge handelt es sich im Falle dieses Beitrags um die kritische Reflexion eigener Erfahrungen bei dem Versuch, dramapädagogische Arbeitsweisen im literaturbezogenen Fremdsprachenunterricht neu einzusetzen. Brissons Überlegungen münden u.a. in den Vorschlag, die von Schewe/Wilms vorgeschlagene prozessorientierte Arbeitsweise durch produktorientierte Aufgabenstellungen ergänzen, indem Studierende beispielsweise eine Video-Dokumentation ihrer unterrichtlichen Inszenierungen erstellen und diese dann kritisch analysieren.

Eisenmann beleuchtet – im Rahmen der Fachdidaktik Englisch – das umstrittene Thema, ob Shakespeares Werke überhaupt, bzw. wenn ja welche seiner Werke, Textgrundlage für den Englischunterricht in der Oberstufe sein sollten. Die Autorin geht davon aus, dass Schüler von der Vitalität und Komplexität der Hamlet-Figur fasziniert sind und stellt in ihrem Beitrag beispielhaft die Didaktisierung eines klassischen Dramas vor.

Diese Perspektive wird ergänzt durch Lütges Versuch, Überlegungen zu einer performativen Methodik mit filmdidaktischen Aspekten zusammen zu führen. Sie veranschaulicht, wie Formen szenischen Interpretierens und die Beschäftigung mit unterschiedlichen Filmversionen eines Shakespeare-Dramas zahlreiche Ansatzpunkte für die Aktivierung der Schüler im Englischunterricht bieten.

Der Beitrag von Manfred Schewe (University College Cork) versteht sich – in Ergänzung zur Forschungsbibliographie auf der Homepage von SCENARIO – als Überblick über den Brückenbau zwischen Drama/Theater und dem fremd- bzw. zweitsprachlichen Unterricht seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Er endet mit dem Plädoyer, die Forschung selbst in Zukunft stärker als bisher in der Fachdiskussion zu berücksichtigen.

Die Ausgabe wird abgerundet durch eine Rezension von Birgit Oelschläger (Goethe Institut Berlin) zum Themenheft ‘Theaterspielen’ der Zeitschrift Frühes Deutsch (15/8, 2006).

Wir möchten an dieser Stelle allen danken, die bei der Grundsteinlegung für SCENARIO mit geholfen haben: Partnern, Freunden und Kollegen. Ein besonderer Dank gilt Peter Flynn (Computer Centre, UCC) für seine souveräne Expertise sowie seinem Kollegen Maurice Ryder für die Hilfe bei der Website-Gestaltung, Susanne Leutenegger für den künstlerischen Entwurf des Logos, Frank Prendergast für dessen graphische Umsetzung, den studentischen Hilfskräften Maria Jenssen und Maria Sinnecker für die allzeit verlässliche und kompetente Unterstützung, und natürlich den derzeit 14 Mitgliedern des internationalen Redaktionsbeirats für das sorgfältige Lesen und Kommentieren der Manuskripte.

Die Universität Cork hat dieses Projekt finanziell unterstützt durch Mittel aus dem Forschungsfond des College of Arts, Celtic Studies and Social Sciences und, resultierend aus einem gemeinsamen Projektantrag des Department of German und Board of Drama and Theatre Studies, UCC, Mittel aus dem President’s Strategic Fund.

Die Herausgeber von SCENARIO wurden im Rahmen einer kleinen Eröffnungsfeier an der Universität Cork im März 2007 interviewt. Das Interview kann hier herunter geladen werden.

Die Herausgeber

Susanne Even / Manfred Schewe

15. März, 2007