Scenario

1649-8526Jahrgang IIAusgabe 2Jahrgang 2008
Rezension

Ingrid Hentschel (2007) Dionysos kann nicht sterben - Theater in der Gegenwart 

Gert Hofmann

„Im Gegenwartstheater, und hier meine ich dramatische Texte sowohl als Inszenierungen und Aufführungen, zeichnet sich die Kunst durch eine Bemühung um neuerliche Vergegenwärtigung des Menschlichen aus. Eine Vergegenwärtigung, die erst durch den Kontrast zu den elektronisch und seriell erzeugbaren Bildwelten und ihren Illusionstechniken in aller Schärfe deutlich wird: Theater situiert sich als das anthropologische Medium schlechthin.“ (9)

Es gehört zum Schwierigsten in den Kunstwissenschaften, Gegenwartsphänomene über das Engagement der Tageskritik und Konsumentenlust hinaus auf ein Reflexionsniveau zu heben, das Evidenzmomente erzeugt, welche den Kunstdiskurs im theoretischen wie auch praktischen Sinne auf eine bleibende Weise zu inspirieren vermögen. Ingrid Hentschel hat sich einer solchen Herausforderung mit ihrem jüngst erschienen Buch Dionysos kann nicht sterben. Theater in der Gegenwart bewusst gestellt. Denn in gesteigertem Maße besteht diese Schwierigkeit für eine Kunst des Theaters, welche in den performativen Aspekten ihrer Praxis, Inszenierung und Aufführung, das Literarische, Sprachlich-Semantische des Texts bewusst zu überwältigen unternimmt. Hentschel weist zu Recht darauf hin, dass dies bereits auf gewisse avantgardistische Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts zutraf – man denke nur an Antonin Artauds grandiose Experimente zur Etablierung eines „Theaters der Grausamkeit“ – aber im Theater unserer Zeit und der jüngsten Vergangenheit, also in der Theaterszene der „Jahre vor und nach der Wende“ ins neue Jahrtausend ist manches zum mainstream Phänomen geworden, was vor hundert Jahren noch avantgardistische Provokation war. Das Theater unserer Zeit wird durch seine weitverbreitete Emphase performativer Elemente zu einem flüchtigen Phänomen, event, Ereignis, physischen Akt, und bildet sich dabei zu einer Kunst, die dem Flüchtigen auf eine merkwürdig nicht-bleibende, affektive, selbst-negierende Weise gleichwohl Bedeutung zu geben vermag. In seinen performativen Aspekten ist das Theater – und nicht nur das Theater ‚der Gegenwart’ – wesentlich Bedeutungskunst „in der Gegenwart“, Signifikation des Augenblicks, der im Aktualen des Akts alle gegebenen, konventionellen und literarischen Bedeutungspotentiale außer Kraft setzt.

Solchen theatralen Signifikationsmomenten – und den ästhetischen Strukturen, die sie hervorbringen – ist Ingrid Hentschel in den hier versammelten Studien zur deutschsprachigen Theaterszene in den Jahrzehnten vor und nach der Jahrtausendwende auf der Spur. Die Liste der Theaterautoren und –regisseure, die sie ihrer Untersuchung zugrunde legt, ist lang, nahezu erschöpfend; dennoch wirkt sie durch die Auswahl der Stücke unter Gesichtspunkten ästhetischer Innovationsimpulse ausgesprochen relevant. Botho Strauss, Peter Handke, Heiner Müller, Elfriede Jelinek, Peter Turrini, John von Düffel, Werner Schwab, Tankred Dorst, Jan Fabre, Falk Richter und Marina Abramovič treten dabei besonders hervor. Die einzelnen Stückanalysen werden in fünf Abschnitte gruppiert, wo sie im Sinne von Fallbeispielen auf anschauliche Weise die Diskussion ästhetischer Grundfragen ermöglichen, die das Gegenwartstheater bestimmen: die Interaktion zwischen Bühnenhandlung und Publikum; die Radikalisierung der Auffassung vom Theater als (komödiantischem) Spiel; das Verhältnis theatraler Kunst zu den modernen elektronischen Medien und virtuellen Spielwelten; die alte, immer wieder neu zu interpretierende Beziehung von performance und Ritual; schließlich die problematisch gewordene Bedeutung des Theaters der „ Vergegenwärtigung“ für das Gedächtnis der Geschichte.

Was sich im Zusammenhang dieser Einzelstudien als Erkenntnisgewinn abzeichnet, ist eine konzentrierte Wahrnehmung entscheidender inhaltlicher und ästhetischer Impulse, die das Theater der Gegenwart prägen, vor allem jene Dialektik von Gewalt und Ohnmacht, die in der betonten Körperlichkeit des performativen Spiels durch forcierte Athletik und reale Nacktheit ihren Ausdruck findet. Die „Betonung des Körperlichen oder sogar Kreatürlichen“ (72) und zugleich die gezielte Diskreditierung des Dialogs als Medium der Verständigung werden in vielen Fällen zum Gravitationszentrum eines mit theatralen Mitteln erneuerten anthropologischen Diskurses.

Auf diese Weise rückt gerade jene Irritation, die sich aus der emphatischen Performativität, also aus der signifikant präsenten und gleichzeitig flüchtigen Charakteristik theatraler Praxis heute ergibt, ins Zentrum der Interpretationsarbeit. Die tatsächliche Bedeutung aktueller performativer Praxis lässt sich weder theoretisch zu einem System der Ästhetik noch historisch zu einem einheitlichen Geschichtsbild verdichten. Ingrid Hentschels theaterästhetische Analysen schöpfen ihre besondere Evidenzkraft jedoch aus einer beeindruckend profunden Kenntnis der praktischen Entwicklung des deutschsprachigen Theaters während der letzten 25 Jahre in der Ganzheit seiner künstlerischen Aspekte, der Dramen- und Dialogtexte, des Bühnenbildes, der Inszenierung und Aufführung bzw. performance. Durch die Fülle der Kenntnisse, die das Buch auf einem hohen Reflexionsniveau über maßgebliche Autoren, Stücke und Aufführungen vermittelt, werden Parallelphänomene und Interferenzen sichtbar, welche das Theater der Gegenwart in seiner Sonderstellung gegenüber anderen technologie- und medienintensiven Künsten wesentlich charakterisieren. Dabei kann es nicht darum gehen, vorschnell theoretische Systembegriffe zu abstrahieren, sondern eher darum, aktuale Prinzipien künstlerischer Praxis sich manifestieren zu lassen, die jede Ästhetik theatraler Kunst „um 2000“ zu berücksichtigen haben wird.

Bibliographie:
Hentschel, Ingrid (2007): Dionysos kann nicht sterben. Theater in der Gegenwart, Berlin: Litverlag, 266 S.