Scenario

1649-8526Jahrgang IIIAusgabe 2Jahrgang 2009
TuT – Texte ums Theater – TuT

Pippi geht auf den Jahrmarkt

Astrid Lindgren

Zusammenfassung

Warum nicht einmal eine kindliche Perspektive aufs Theater? Junge Leser auf der ganzen Welt sind fasziniert von dem frech-eigensinnigen, unangepassten Mädchen Pippi Langstrumpf. Wenn sie aus ihrer eigenen kleinen Welt der Villa Kunterbunt heraus tritt, wird für die Leser das Vertraute oft auf den Kopf gestellt. So überrascht in diesem Textauszug, wie Pippi die Fiktion des Theaters als Wirklichkeit erlebt und wie die Zuschauer die wirkliche Handgreiflichkeit als Fiktion begreifen. Wir schmunzeln – Pippi erscheint uns so befreiend naiv. Allerdings ist sie von der dramatischen Handlung so stark berührt, dass sie verändernd in sie eingreift. Assoziationen zu Bertolt Brechts Theaterästhetik kommen auf. Vielleicht ein Anlass nochmals nachzublättern, welche Rolle er dem Naiven darin zumaß?

Pippi geht auf den Jahrmarkt

Vor einem Zelt in der Nähe stand ein Mann und rief:

„In fünf Minuten beginnt eine neue Vorstellung! Versäumen Sie nicht, sich dieses packende, einzigartige Drama anzusehen: 'Der Mord an der Gräfin Aurora' oder 'Wer schleicht da im Gebüsch herum?'

„Wenn da jemand im Gebüsch rumschleicht, dann müssen wir rauskriegen, wer das ist, und zwar sofort“, sagte Pippi zu Thomas und Annika. „Kommt, wir gehn rein!“

Pippi ging zur Kasse.

„Kann ich nicht für den halben Preis reingehen, wenn ich fest verspreche, nur mit einem Auge zu gucken?“, fragte sie in einem plötzlichen Anfall von Sparsamkeit. Aber davon wollte die Kartenverkäuferin nichts wissen.

„Ich seh kein Gebüsch und auch keinen, der herumschleicht“, sagte Pippi missvergnügt, nachdem sie und Thomas und Annika sich ganz vorn vor den Vorhang gesetzt hatten.

„Es hat noch nicht angefangen“, sagte Thomas.

Im selben Augenblick ging der Vorhang auf und man sah die Gräfin Aurora auf der Bühne hin und her spazieren. Sie rang die Hände und sah sehr unglücklich aus. Pippi folgte dem Ganzen mit gespanntem Interesse.

„Sie ist bestimmt traurig“, sagte sie zu Thomas und Annika. „Oder ihr ist irgendwo eine Sicherheitsnadel aufgegangen, die sie pikt.“

Aber Gräfin Aurora war traurig. Sie verdrehte die Augen zur Decke und sagte klagend: „Gibt es einen Menschen, der so unglücklich ist wie ich? Meine Kinder hat man mir genommen, mein Mann ist verschwunden, und ich bin von Schurken und Banditen umgeben, die mich töten wollen!“

„Oh, das ist ja schrecklich mit anzuhören“, sagte Pippi und bekam ganz rote Augen.

„Ich wünschte, ich wäre tot“, sagte die Gräfin Aurora.

Da brach Pippi in Tränen aus.

„Liebe Frau, so was musst du doch nicht sagen“, schluchzte sie. „Es wird schon alles wieder gut. Die Kinder werden sich schon zurechtfinden, und du bekommst sicher einen neuen Mann. Es gibt ja so viele M-ä-ä-änner“, stieß sie unter Schluchzen hervor.

Aber da kam der Theaterdirektor – es war der, der vor dem Zelt gestanden und geschrien hatte – und sagte, wenn sie nicht ganz still säße, müsste sie sofort das Theater verlassen.

„Ich will es versuchen“, sagte Pippi und rieb sich die Augen.

Es war ein furchtbar spannendes Stück. Thomas saß die ganze Zeit da und drehte und drückte vor lauter Aufregung seine Mütze, und Annika hielt die Hände auf ihrem Schoß gefaltet. Pippis Augen waren ganz feucht und sie ließ sie nicht einen Augenblick von Gräfin Aurora.

Der armen Gräfin ging es immer schlechter. Sie ging, nichts Böses ahnend, im Schlossgarten auf und ab. Plötzlich hörte man einen Schrei.

Das war Pippi. Sie hatte einen Mann entdeckt, der hinter einem Baum stand und nicht gerade freundlich aussah.

Die Gräfin Aurora hatte wohl auch etwas rascheln hören, denn sie sagte mit erschrockener Stimme: „Wer schleicht da im Gebüsch herum?“

„Ich kann's dir sagen!“, sagte Pippi eifrig. „Es ist ein tückischer, abscheulicher Kerl mit einem schwarzen Schnurrbart. Lauf bloß schnell weg und schließ dich im Holzschuppen ein!“

Jetzt kam der Theaterdirektor zu Pippi und sagte, dass sie augenblicklich verschwinden solle.

„Und die Gräfin Aurora mit so einem Scheusal allein lassen! Da kennst du mich aber schlecht“, sagte Pippi.

Auf der Bühne ging das Spiel weiter. Plötzlich kam der abscheuliche Kerl aus dem Gebüsch und warf sich über die Gräfin Aurora. „Ha, jetzt ist deine Stunde gekommen“, zischte er zwischen den Zähnen hervor.

„Das wollen wir doch mal sehen“, sagte Pippi und sprang mit einem Satz auf die Bühne. Sie packte den Schurken und warf ihn in den Zuschauerraum. Sie weinte immer noch.

„Das du so was tun kannst!“, schluchzte sie. „Was hast du eigentlich gegen die Gräfin? Denk daran, dass ihre Kinder und ihr Mann fort sind! Sie ist ganz allei-ei-ei-n!“ „Du kannst zu mir in die Villa Kunterbunt kommen und bei mir wohnen, wenn du willst“, sagte sie tröstend.

Laut weinend wankte Pippi aus dem Theater, dicht gefolgt von Thomas und Annika. Und vom Theaterdirektor. Er ballte die Fäuste hinter ihr. Aber die Leute im Zuschauerraum klatschten in die Hände und fanden, dass es eine schöne Theatervorstellung gewesen sei.

Glücklich draußen, schnäuzte sich Pippi in ihr Kleid und sagte: „Nein, jetzt müssen wir uns aufheitern! Das war zu traurig.“

Bibliographie

Astrid Lindgren (1987): Pippi Langstrumpf. Hamburg, Verlag Friedrich Oetinger, 206 - 210

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