Scenario

1649-8526Jahrgang VIIAusgabe 1Jahrgang 2013
TuT – Texte ums Theater - TuT

Frankensteins Erben

Jens-Ulrich Davids

Die Aula, sah Peh durch den Schlitz im Vorhang, war zu zwei Dritteln gefüllt. Es mussten mehr als zweihundert Zuschauer sein. Seine Schauspieler drängten von hinten nach, um auch hinaussehen zu können, fast wäre er in den Vorhang gefallen und unter ihm von der Bühne hinuntergekugelt, über die Rampe gestürzt und hätte der ersten Reihe zu Füßen gelegen. Da saßen die meisten aus der Präsidialrunde von damals wie Punktrichter beim Eiskunstlaufen.Würden sie ihm zehn Punkte und damit den neuen Job zugestehen? In der zweiten Reihe sah er seine Lieblingskollegen, die, die immer schon seine Stücke angesehen hatten. Er drehte sich um.

,,Mensch, meine ganze WG sitzt da.”

,,Klar, du hast ihnen ja auch die Karten geschenkt.”

,,Lasst mich auch mal”, sagte Anton.

,,Bei dir kommt doch keiner”, sagte Kit. ,,Oder geht Attac ins Theatre?”

,,Hast du’ne Ahnung.”

Anton, Anton. Was hatte der ihm Herzschmerz und Kopfsorge bereitet mit seinem Revolutionsgerede. Aber jetzt, dachte Peh versöhnt, jetzt lief alles harmonisch zusammen. Anton hatte noch einmal ausdrücklich zugesagt, die Differenzen zwar nicht einzuebenen, aber auch nicht zur Wirkung kommen zu lassen. Nach der Premiere klären, hatte er gesagt, dann wird sich alles geklärt haben. Er trat neben seinen Monsterschauspieler.

,,Alles klar, Meister Ungeschlacht?”

Anton sah an sich herunter und zeigte lächelnd auf sein Kostüm. Peh bewunderte den gezielt grob zusammengehähten Blaumann, der so eng saß, dass er von Weitem fast wie eine Haut wirkte. Ganzkörperkondom, hatten sie gesagt, bei den Nähten, das muss sich ja komisch anfühlen. Sie dachten auch immer nur an das eine. Den Kopf hatte Anton sich kahlrasiert und graubraun getönt, und Anna hatte ihm gezackte Narben daraufgemalt, ungefähr den Nähten folgend, an denen entlang die Natur die Schädelteile zusammensetzt. Die Augen lagen tief in schwarzblauen Höhlen, der Mund war durch Striche bis fast an die Ohren verlängert in einem permanent schrecklichen, gleichzeitig wütenden und ängstlichen Lächeln, die Hände steckten in uralten räudigen Fellhandschuhen und die Füße in halbhohen schwarzen Gummistiefeln. Das verzerrte Lächeln, dachte Peh, kommt das von der Maske oder ist er einfach so?

,,Mann”, sagte Peh ,,dir traut man wirklich das ganz große Unheil zu.”

,,Ungeschlacht, Unheil, alles Unwörter, ist dir unwohl bei meinem Anblick?”

,,Muss doch so sein, oder? Schließlich bist du ein Monster.”

Noch fünfzehn Minuten. Sie waren versammelt. Peh klatschte in die Hände.

,,Wo is der Sekt?”

Kit fing an, das rote Stanniolpapier vom Flaschenhals zu pulen. Die Gruppe hatte auf Rotkäppchen bestanden, irgendwie fanden sie das wunderbar gruselig. Alle stellten sich him Kreis auf und streckten die rechte Hand flach vorn. Peh holte das Salz aus der Tasche und schüttete jedem ein kleines Händchen auf die Hand. Der Sekt stand geöffnet auf dem Operationstisch. Peh sah in die Runde.

,,Bis zehn zählen”, sagte er “ganz still.”

Sie standen still und schlossen die Augen. Durch den Vorhang kam schwach das Murmeln und Stühleschaben der Zuschauer. Sie öffneten die Augen wie auf Verabredung im selben Moment.

,,Mast- und Schotbruch!”, schrien sie, warfen das Salz über die linke Schulter und rieben sich die Hände sauber.

,,Sekt!”

Die Flasche ging von Hals zu Hals, dann stellte Staffel sie weg. Sie fassten sich bei den Händen. Ob sie den Spruch, die sie gemeinsam aus dem Stück ausgesucht hatten, noch wussten? Da kam er schon aus roten Mündern: “Ein andres Gesicht wäre gut, deins ist wirklich zu häßlich.”

Drei Minuten später legte Borowski oben auf der Empore die Musik für die letzten zehn Minuten vor Beginn des Stücks auf.

Aus: Jens-Ulrich Davids (2012): Frankensteins Erben.

Ein Theaterroman in fünf Akten.

Fischerhude, Verlag Atelier im Bauernhaus, 299 – 301

In dieser Rubrik Texte ums Theater stellen wir historische und zeitgenössische, kulturübergreifende bzw. -spezifische, unvermutet schräge, ungewöhnlich spannende, verstörend mitreißende, faszinierend schillernde etc. Perspektiven aufs Theater vor.