Scenario

1649-8526Jahrgang VIIAusgabe 1Jahrgang 2013
Interview

SCENARIO-Gespräch mit dem Regisseur Antú Romero Nunes, der die Wasserfarben auch im Dunkeln sieht

Antu Romero Nunes; Maik Walter

Das Gespräch wurde am 11.4.2013 im Maxim-Gorki-Theater Berlin von Manfred Schewe und Maik Walter geführt und kann als mp3-Dateihier heruntergeladen werden; zur Vorbereitung auf das Gespräch empfiehlt sich die folgende Einleitung von Maik Walter:

Antú Romero Nunes hat schon vieles von dem erreicht, was bei Künstlern seiner Generation noch auf der To-Do-Liste steht, die in den meisten Fällen eine Wunschliste bleiben wird: Seine Vorstellungen im Berliner Maxim-Gorki-Theater sind fast immer ausverkauft und schon längst kein Geheimtipp mehr. Selbst das Feuilleton der ZEIT widmet dem "schwäbischen Che", der in Jeans und offenem Hemd zu den Interviews erscheint, eine ganze wohlwollende Seite und Premieren seiner Inszenierungen sind Pflichttermine für die deutsche Theaterkritik.

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Abbildung 1: Antú Romero Nunes; © Christian Doppelgatz

Erst vor vier Jahren setzte er mit "Der Geisterseher" eine frühe Erzählung von Friedrich Schiller auf die Studiobühne des kleinsten, aber auch lebendigsten Berliner Staatstheaters. Prosa als Textbasis einer Inszenierung zu verwenden, dieses Verfahren kommt am Gorki-Theater häufiger zum Einsatz. Selbst Günther Grass erlaubte - und zwar erstmals - den Theatermachern des Gorki, eine "Blechtrommel" auf einer Theaterbühne zu inszenieren. Für Nunes war es die Diplominszenierung, der Abschluss seines Regiestudiums der Ernst-Busch-Schule. An der renommierten Ostberliner Schauspielschule lernt man, so der Regisseur im Interview, zunächst einmal eine Kulturtechnik, die auch Kritiker lernen und dann immer anwenden sollten: Das Beschreiben dessen, was wir im Spiel sehen. Diese Technik und seine Offenheit, neue Dinge auszuprobieren, belohnte Nunes, der erst in diesem Jahr 30 werden wird, mit diversen Theaterpreisen und Inszenierungen an den einschlägigen Häusern: Neben dem Berliner Gorki, an dem er auch seit 2010 Hausregisseur ist, zählen das Hamburger Thalia Theater, das Schauspiel Frankfurt, das Wiener Burgtheater und das Schauspielhaus Zürich zu seinen Wegmarken. Aber als ein Künstler sieht er sich trotz des Erfolgs immer noch nicht. Er geht immer wieder neue Wege, experimentiert mit den ästhetischen Mitteln und entsprechenden Wirkungen und versucht dabei, die spezifische Energie eines Stückes zu nutzen. Er selbst verwendet hierfür das Bild einer Batterie, die in seinen Augen jedes Stück habe.

Angefangen hat alles in Tübingen: Drei Sprachen werden daheim gesprochen und führen bei ihm heute im Verbund manchmal zu Kopfschmerzen. Die Mischung aus Sprachen und damit auch Kulturen bestimmt seine neueste Inszenierung "'N Haufen Kohle". An der Stückentwicklung wirken Studierende der mexikanischen UNAM, die Schauspieler des Maxim-Gorki-Theaters Aenne Schwarz und Andreas Leupold, Leipziger Schauspielstudierende und die beiden Luchadores Tinieblas Jr. und Marabunta Jr. mit. Luchadores sind Kampfsportler, vergleichbar mit Wrestlern, auch wenn dieser Begriff gesetzlich geschützt ist und nicht für das wesentlich ältere inszenierte Kämpfen mit maskierten Kämpfern verwendet werden darf.

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Abb. 2: 'N Haufen Kohle. Eine Stückentwicklung, Abschlussszene mit den Luchadores Tinieblas Jr. und Marabunta Jr. sowie Antú Romero Nunes; © Tomas Aurin

Am Anfang wird im Publikum Geld für die Prothese eines Mädchens, das Opfer des gewalttätigen Mexiko wurde, gesammelt. Es wird geraunt zu Johann Sebastian Bach und Michael Jackson im Hintergrund - es gibt keine Inszenierungen von Nunes ohne Musik. Sich lauthals profilierende Männer zeigen zunächst ihre Visakarten und geben dann am Ende gar nichts. Das Muster kommt einem bekannt vor und während man darüber nachdenkt, wird auf offener Bühne das frische Geld verbrannt, was im Zuschauerraum zu immensem Unmut führt, ein Kommentar zur gegenwärtigen Krise. Dann wird die Geschichte eines Banküberfalls erzählt. Immer wieder und wieder, um das Nichtverstehbare zu verstehen. Diesen Raub, bei dem es auch Tote gibt, führen die maskierten Luchadores als Gangster aus. Die Frage nach dem Warum, nach der Ursache von Gewalt und Habgier wird mitten auf die Bühne platziert, dort, wo ganz am Ende des Abends auch das Publikum stehen wird, am Ring, dem letzten Kampf ganz nahe. Verprügelt wird hier der Regisseur Nunes, dem sein schnelles Spiel aus der Hand gleitet, denn die Luchadores haben das Geld wirklich verbrannt. Und auch wenn er vorher beschwört, dass es nur Theater sei und nicht weh tue, so führt er zwar das Publikum in diesem Moment aus der Fiktion heraus, in die augenzwinkernde Distanz zum Gesehenen. Alles nur ein Spiel! Aber auch dies ist schon wieder Fiktion, denn in Wirklichkeit hört man deutlich das Knallen und seine Brust färbt sich rot, wenn die fast zwei Meter Muskelmasse auf den zierlichen Nunes einschlagen, der an diesem Abend auch als Schauspieler agiert. Im Interview merkt man ihm an, wie verwundert er über die Wirkung seiner Worte beim Aufbau eines fiktionalen Geschehens auf der Bühne ist. Realität und Fiktion, dieses Verhältnis kann als eines der wenigen Fixpunkte seiner Arbeiten ausgemacht werden.

Im April 2013 wird er wiederholt mit einem Theaterpreis geehrt, diesmal für seine legendären "Räuber", für die er den Friedrich-Luft-Preis erhält. Vor zwei Jahren war er bereits schon einmal für seine durch den Film von Luchino Visconti inspirierte Inszenierung "Rocco und seine Brüder", hierfür nominiert. "Die Räuber" gelten bei vielen Regisseuren als kaum noch inszenierbar: Was kann man hier noch sagen, ohne nur noch auf die Kollegen anderer Theater zu reagieren? Nunes hat etwas zu sagen und dekonstruiert das Stück, und zwar scharf mit dem Messer. Streichen, das gehört für ihn zum Theaterhandwerk, denn Theater müsse unterhalten und da sind Streichungen die Regel und nicht die Ausnahme. Es bleiben im Kern drei Monologe für fast drei Stunden scheinbar zu einem Teil improvisiert, gemischt mit dem sprachlichen Sturm und Drang des jungen Schiller. Drei Stunden, in denen man nicht eine Minute auf die Uhr schaut und in denen auch noch die Pause geraubt wird. Man ist ja bei schließlich bei den Räubern. Schiller ist für Nunes auch der Autor, den er für Jugendliche empfiehlt, denn seine Sprache ist klar, kraftvoll und faszinierend. Die Konflikte stellen auch heute noch Reibflächen für das Erwachsenwerden dar. Neben Schiller erscheint als klassischer Autor nur Kleist doppelt auf der Liste der Inszenierungen. Der Regisseur sieht es als Prinzip, Neuland zu betreten und immer wieder andere Autoren, andere Stoffe auf die Bühne zu bringen. Gegenwartsautoren wie Fritz Kater, Wolfram Lotz oder Oliver Kluck gehören hierzu.

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Abb. 3: Die Räuber. Nach Friedrich von Schiller. Michael Klammer im Monolog des Karl Moor; © Bettina Stöß

Am Gorki entwirft er mit dem "Prinzip Meese" von Oliver Kluck im Jahre 2010 ein von Kritik und Publikum gefeiertes Bild einer Generation. Menschen zwischen 20 und 30 denken nach: über sich, ihren Ort in der Gesellschaft. Ein Stück über die Individualisierung und den Wunsch nach Gemeinschaft. Im Wesentlichen werden mit Matten, Körpern und Sprache Szenen im leeren schwarzen Raum konstruiert.

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Abb. 4: Das Prinzip Meese. (Oliver Kluck). Michael Klammer und Anika Baumann; © Thomas Aurin

Die Intimität und Leichtigkeit des Spiels beruhen auf dieser Reduktion der Mittel und auch auf den scheinbaren Improvisationen der beiden Schauspieler Anika Baumann und Michael Klammer. Das Publikum wird in das Spiel einbezogen und berührt von den Ängsten und Freuden, die hier nicht im Klischee versanden. Man könnte diese Art, Theater zu machen, auch gute Unterhaltung nennen, wenn es nicht am deutschen Staatstheater immer noch verpönt wäre. Nunes tut es trotzdem und sieht in der Unterhaltung eine wesentliche Aufgabe des Theaters, die auch schon Shakespeare und Brecht durchaus Ernst genommen haben. Den zehn Monologversatzstücken des "Prinzip Meese"-Steinbruchs stellt der Autor Oliver Kluck folgende Erklärung voran:

Das Prinzip Meese basiert nicht auf einem Zitat von Wittgenstein, es ist nicht Nietzsche, nicht Kant und nicht Frankreich in den Sechzigern. Es ist das Lied das entsteht, wenn eine Bassgitarre singt, es ist das intensive Vögeln an einem Dienstagvormittag, es ist, wenn ein advant pop reader neben einer Kerze und einem Löffel liegt, es ist das Erwachen am Morgen danach, ohne zu wissen wo und neben wem. Das Prinzip Meese ist das Finden der eigenen Verwirrung. (Oliver Kluck (2009): Das Prinzip Meese, S.2)

Dieses Finden der eigenen Verwirrung richtet sich an alle - so der Titelzusatz - "die, die Wasserfarben auch im Dunkeln sehen." Antú Romero Nunes gehört ohne Zweifel dazu.

Literatur

Meiborg, Mounia (2012): Scheitern ist die höchste Kunst. In: Die ZEIT 15/2013 vom 4.4.2013, S.50. online http://www.zeit.de/2013/15/theater-regisseur-antu-romero-nunes; 16.4.2013

Triebold, Wilhelm (2010): Die rasante Theaterkarriere des Antú Romero Nunes. In: Schwäbisches Tagblatt vom 7.9.2010, online http://www.tagblatt.de/Home/nachrichten/kultur/regionale-kultur_artikel,-Die-rasante-Theaterkarriere-des-Antu-Romero-Nunes-_arid,111151.html; 16.4.2013

Abbildungen

Die Abbildungen wurden mit freundlicher Genehmigung des Maxim-Gorki-Theaters abgedruckt. Die Bildrechte liegen bei den angeführten Fotografen.