Scenario

1649-8526Jahrgang VIIAusgabe 2Jahrgang 2013
TuT – Texte ums Theater – TuT

Home Before Night

Hugh Leonard

In dieser Rubrik Texte ums Theater stellen wir historische und zeitgenössische, kulturübergreifende bzw. -spezifische, unvermutet schräge, ungewöhnlich spannende, verstörend mitreißende, faszinierend schillernde etc. Perspektiven aufs Theater vor. Im folgenden autobiografischen Text erinnert sich der irische Schriftsteller Hugh Leonard an Erlebnisse aus seinen Jugendjahren. Diese wurden zum Auslöser für sein zunehmendes Theaterinteresse und stellten Weichen für seine spätere Karriere als Dramatiker.

Jeden Morgen, wenn man hereinkam, trug man sich im Anwesenheitsbuch ein, und Mr. Drumm brachte es dann zu seinem eigenen Tisch und strich die Namen der Zuspätkommenden mit roter Tinte an. Eines Tages wollte er gerade das Buch nehmen, sah es dann aber genau an. “Kommen Sie her und unterschreiben Sie, Mr. Kennedy”, sagte er. “Oh, ich hab schon unterschrieben”, sagte Mr. Kennedy, ohne sich von seinem Stuhl zu bewegen, und tatsächlich hatte Jack gesehen, wie er sich mit einem Bleistift über das Buch gebeugt hatte.

“Sie haben Ihren Namen nicht eingetragen”, sagte Mr. Drumm. “Kommen Sie her und tun Sie das jetzt.”

“Na, aber ich hab wirklich schon unterschrieben”, sagte Mr. Kennedy gutgelaunt. In Mr. Drumms Gesicht breitete sich eine gewisse Röte aus. “Und ich sage Ihnen, Sie haben nicht unterschrieben. Jetzt unterschreiben Sie, oder Sie werden als abwesend eingetragen.” Mr. Kennedy grinste nur, als ob er zu schlau sei, auf so einen alten Trick reinzufallen. Mr. Drumms Finger bohrte sich in das Buch wie die Nadel einer Nähmaschine. Seine Stimme war heiser vor Wut. “Tun Sie, was ich sage!” Es war sehr still im Zimmer, als Mr. Kennedy von seinem Tisch aufstand. Er nahm das Vergrößerungsglas mit, das er zum Lesen benutzte. Lange stand er über das Buch gebeugt, und als er sich wieder aufrichtete, warf sein Gesicht ein glückliches, rosafarbenes Licht auf Mr. Drumm. “Ach”, sagte er, “haben Sie es mir ausradiert?” Zuerst hatte Jack gedacht, dass die Leute um ihn herum Mumien seien, die auf ihr Begräbnis warteten, aber er stellte bald fest, dass er sich in einem Orchester von Wahnsinnigen befand, das von Mr. Drumm dirigiert wurde. Er würde nie wieder so unglücklich sein, wie er es an jenem ersten Tag gewesen war, aber mehr denn je wollte er von diesem Ort frei sein. Er war schon sechs Monate hier gewesen, als ein Mann namens Paddy Malone ihm gegenüber bemerkte, “Ein großartiges Ende von einem großartigen Stück.”

“Was meinen Sie?”

“Diese Melodie, die Sie gepfiffen haben: ‘Keep the home fires burning’. Es kommt ganz am Ende von ‘The Plough and the Stars’. Sie wissen schon, von O’Casey.”

Er schüttelte seinen Kopf.

“Was? Sie wollen ein Dubliner sein, und Sie haben noch nie von O’Casey gehört?”

“Naja, gehört hab ich schon von ihm, aber – “

“Meine Güte, ich komme aus Cork, wo sie ihre eigenen Kinder auffressen, und trotzdem kenne ich ihn in-und auswendig. Und Sie sind doch der Typ, der die Nase immer in einem Buch stecken hat. Was lesen Sie denn da überhaupt?” Er nahm ein Buch von Jacks Tisch in die Hand. “The Garden von L.A.G. Strong.” Er grunzte. Er hatte helles Haar, das dabei war, stahlgrau zu werden. Sein Mund verzog sich zu vorgetäuschter Abscheu. “Wollen Sie mich anschmieren oder was? Sie haben noch nie von ‘The Plough and the Stars’ gehört?”

“Nein.”

“Und Sie sind der Mann, der Bücher schreiben will?”

Offenbar hatte jemand getratscht. “Ich habe nie gesagt - “

“Jetzt hören Sie mir mal zu. Es wird grade im Abbey gespielt, also gehen Sie mal schön hin und sehen sich das an, anstatt sich derartig zu blamieren.”

Er zwinkerte und sang beim Davonschlendern ‘Keep the home fires burning’ in einem Corker Heldentenor, dass Mr. Drumms Augen wie Suchscheinwerfer in seine Richtung schwenkten.

An diesem Abend ging Jack ins Abbey Theatre. Er hatte nie zuvor ein Theaterstück gesehen, außer ‘The Colleen Bawn’ in der Stadthalle von Dalkey, wo das Mädchen vom Felsen in die Seen von Killarney gestoßen wurde und all die Muskelprotze aufgestanden waren, um zu sehen, wie sie auf einer Matratze landete. Jetzt sah er einen Schauspieler namens McCormick, der so wirklich war wie Mr. Quirk in Kafalat Lane oder Jacks Onkel Sonny, oder wie jeder beliebige Alte, der bei Gilbey’s Corner oder an der Hafenmauer stand und auf den Boden spuckte: ein fuchsgesichtiger zäher Kerl in einem festen Hut, der einem in einem Moment den Bauch aufschlitzen und im nächsten ein guter Kumpel sein würde. Und dann war da ein junger Schauspieler namens Cusack, der den jungen Spund spielte, und als er aus seinen Arbeitsklamotten schlüpfte und dabei daran dachte, auch die Schachtel Zigaretten aus seiner Overalltasche zu nehmen, stießen die Leute einander mit dem Ellenbogen an und flüsterten, “Oh, das ist sehr gut.”

Aber was Jack dazu veranlasste, hinterher vor dem Theater stehenzubleiben und über die Dächer nach dem roten Schein des brennenden Dublin Ausschau zu halten, den er durch das Giebelfenster von Bessie Burgess’ Dachzimmer gesehen hatte, war mehr als nur die Schauspielerei. Das Leben, das durch das Theaterstück toste, war über die Bühne geschwappt und hatte ihn mit sich gerissen, so dass er wusste, er würde nie wieder damit zufrieden sein, nur dazusitzen und zuzuschauen und mit dem Rest des Publikums zu applaudieren. Der Gedanke brannte in ihm wie ein Fieber.

Er ging Marlborough Street entlang bis zum Kai, und aus der Dunkelheit des Flusses sprang ihn der Ostwind an wie ein Vagabund. Er hielt seinen Mantelkragen zu, und seine Hände zitterten vor Kälte. Er lief an der Reihe ordentlicher Wagen und schnaubender Pferde vorbei und jagte den Lichtern des letzten Zuges nach, der gerade die Loopline Bridge zur Tara Street überquerte. Der Schaffner hielt die Tür des letzten Abteils für ihn auf, und er setzte sich einem Paar gegenüber, ein Mann und ein Mädchen. Der Mann sah ihn schlechtgelaunt an: durch sein Eindringen hatte Jack einen möglichen Flirt verdorben.

Seinetwegen konnten die beiden sich nackt ausziehen, es war Jack gleich. Er schaute an ihnen vorbei zum Fenster und sah sein Spiegelbild im dunklen Glas. Es war verblüffend, wie ruhig er aussah. In dem ungeheizten Abteil formte sein Atem Nebel auf dem Glas, aber selbst so konnte er, als wäre sie draußen neben den Schienen, die Tür sehen, durch die er entkommen würde.

Aus: Hugh Leonard: Home before Night. London 2002, Methuen, 179 – 181, übersetzt von Silja Weber