Scenario

1649-8526Jahrgang IXAusgabe 1Jahrgang 2015
Rezension

J. Passon: Shakespeare in der Realschule inszenieren. Theatre Education zur Förderung von Kommunikativer und Performativer Fremdsprachenkompetenz

Reihe: Fremdsprachendidaktik in globaler Perspektive - Bd. 3, 2014, 296 S., 29.90 EUR, 47.90 CHF, br., ISBN 978-3-643-12801-0

Stefanie Beckmann

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Die in Buchrezensionen vertretenen Ansichten und Meinungen sind die der jeweiligen Rezensentinnen und Rezensenten und reflektieren nicht notwendigerweise die Position von SCENARIO.

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Bei diesem Band handelt es sich um eine empirische Studie, deren Ziel es ist darzulegen, dass die von der Autorin formulierte English Theatre Class–Theorie (ETC) die kommunikative und performative Fremdsprachenkompetenz von Mittelstufenschülerinnen und -schülern fördert und verbessert. In acht Kapiteln beschreibt Passon das Design ihrer außercurricularen englischsprachigen Arbeitsgemeinschaft (English Theatre Class) an einer Realschule in Baden-Württemberg sowie die in diesem Rahmen vorgenommene Aktionsforschung mit Hilfe unterschiedlicher Datenquellen. Ein Online-Appendix mit Transkriptionen und Beobachtungsnotizen findet sich auf der Webseite des LIT-Verlags. Vorläufer dieser Datenerhebung sind Erkenntnisse aus einer explorativen Studie (Passon 2008) und einer Pilotstudie (Passon 2011).

Nach einer Einleitung (Kapitel 1) gibt Passon im zweiten Kapitel („Das Untersuchungsfeld Fremdsprachenunterricht in der Realschule“) einen Abriss über den aktuellen Stand der Fremdsprachendidaktik in der Sekundarstufe 1. Ihr zufolge ist zwar ein Trend zu drama- bzw. theaterpädagogischen Mitteln zu erkennen, aber eine performative Kompetenz als kommunikative Fertig- und Fähigkeit (skill) sei im Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen und den Bildungsstandards Baden-Württembergs bisher nicht formuliert.

Im dritten Kapitel („Shakespeare und Fremdsprachenunterricht“) beleuchtet Passon die Relevanz von Shakespeares Werken im Fremdsprachenunterricht und legt dar, dass Realschüler mit literarischen Texten generell und mit Shakespeare im Besonderen wenig in Kontakt kommen. Sie plädiert für einen Einsatz Shakespeares in der Realschule im Sinne eines dramatic approach, der eine analytische Herangehensweise an Romeo and Juliet ausblendet und stattdessen „eine doppelte Perspektive Hinwendung zum Text und zu den Reaktionen auf den Text“ erlaubt (40).

Im vierten Kapitel („Theatre education und Fremdsprachenkompetenzen“) versucht Passon eine Definition und Abgrenzung von drama education, theatre education, drama in education und theatre in education, um ihr methodisches Vorgehen und ihre ETC-Theorie zu erklären. Sie folgert: „Daraus ergibt sich zunächst, dass zwischen drama in education und theatre education insofern unterschieden wird, als dass mittels theatre education eine theaterästhetische Differenzerfahrung gefördert werden soll. Aus dieser Annahme heraus wird die ETC-Theorie hergeleitet, die – so meine These – in der praktischen Umsetzung durch eine englischsprachige Theater-Arbeitsgemeinschaft (AG) auch zur Förderung von Fremdsprachenkompetenzen führen kann.“ (4) Es ist dieses „kann“, das Passons’ Studie durchgehend begleitet und relativiert (siehe weitere Ausführungen).

Passon erläutert, dass sie Theater als autonomes Mittel im Sinne einer Ermöglichungspädagogik nach Martens (2008) nutze, in der „die Förderung von Fremdsprachenkompetenzen eine sekundäre Rolle spielt“ (249), aber positive Effekte auf diese anerkenne. Sie führt aus, dass es im Gegensatz zu anderen Bundesländern –– in Baden-Württemberg kein theateraffines Fach in der Sekundarstufe 1 gebe und schließt daraus, dass „theatre education […] nicht im Regelunterricht gefördert werde. Es müssten folglich Alternativen gefunden werden, um den Austausch von Theaterpädagogik und Fremdsprache – mit dem Ziel einer kreativ-schöpferischen Arbeit – zu ermöglichen“ (44).

Ihr Unterrichtsdesign der Arbeitsgemeinschaft benutzt den gekürzten Originaltext, der adaptiert wird in eine moderne Fassung mit Bezug zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler – Romeo and Juliet – a local football version -, die nach sechsmonatiger Probenarbeit zur Aufführung gebracht wird. Sie erläutert nachvollziehbar die Relevanz der Shakespearischen Themen für heutige Jugendliche (Schnittmenge von Rollenträger und Rollenfigur nach Ruping 2011) – warum allerdings im lokal verorteten Stück Romeo nach Mantua verbannt wird, bleibt unverständlich (113) –, um im Anschluss das methodisch-didaktische Vorgehen im ETC-Unterricht zu schildern, in dem die Lerner als Schauspieler behandelt werden und der folgenden didaktischen Aufbau umfasst: theatre training, storytelling, role-taking, scene work, scene performance, dress rehearsal, performance nights, reflection. Die Unterrichtsstruktur besteht aus warm up, scene work, scene performance, cool down.

Der Unterricht findet in englischer Sprache statt, wobei Passon betont: „Die Besonderheit der ETC-Arbeit ist jedoch, dass der Fokus gerade nicht auf der Sprachvermittlung liegt.“ (64). Um feststellen zu können, ob und inwieweit die kommunikative Fremdsprachenkompetenz in diesem Ansatz gefördert werden kann, argumentiert Passon für eine Eingrenzung des kommunikativen und performativen Kompetenzbegriffs und folgt in ihrer Studie zur Analyse der kommunikativen Kompetenz weitgehend dem Modell von Bachman und Palmer (1996) und einem performativen Kompetenzbegriff, der auf den Kriterien ‘Wissen über Inszenierungen,’ ‘Erkennen künstlerischer Qualität’ und ‘Selbstvertrauen’ basiert .

Im fünften Kapitel („Das Forschungsprojekt Shakespeare in der Realschule inszenieren“) erläutert die Autorin die quantitativen und qualitativen Datenerhebungs- und Auswertungsmethoden unter Beteiligung der Perspektiven der Autorin selbst, vier anderer Lehrpersonen und 18 Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 8 und 9. Passon sammelt Daten in Form von informellen Beobachtungsnotizen, Fragebögen zu unterschiedlichen Zeitpunkten innerhalb des Projekts, Fallanalysen, Interviews, und Videosequenzen und räumt ein: „Insgesamt ist die Studie hauptsächlich im qualitativen Paradigma anzusiedeln, die die Sichtweise der Schüler und der forschenden Lehrkraft in den Mittelpunkt stellt.“ (4). Sie verzichtet auf Zielformulierungen, Hypothesen und Indikatoren, aber formuliert folgende vier Forschungsfragen: „1. Welche Auswirkungen hat theatre education auf die kommunikative Fremdsprachenkompetenz der teilnehmenden Realschüler? 2. Welche Auswirkungen hat theatre education auf die performative Fremdsprachenkompetenz der teilnehmenden Realschüler? 3. Können kommunikative und performative Fremdsprachenkompetenz an der Realschule auf der Basis der ETC-Theorie entwickelt werden? Wie wirkt sich die Arbeit am Shakespeare–Text basierend auf der ETC-Theorie auf die persönliche Haltung der Schüler aus, Englisch zu lernen?“ (79). Die Videosequenzen basieren inhaltlich auf der Improvisationsübung bus stop von Kurtz (2001), die zu zwei Zeitpunkten im Laufe des Projekts aufgezeichnet und durch externe Lehrkräfte mit Hilfe eines Bewertungsbogens in Anlehnung an den ‘Test of Spoken English’ (126f) ausgewertet wurden.

Im sechsten Kapitel („Datenanalyse und Ergebnisse“) wertet Passon die einzelnen Ergebnisse ihrer Studie hinsichtlich des Mehrwerts des Projekts für die Schülerinnen und Schüler aus und inwiefern es „einen subjektiven Lernzuwachs“ (5) befördert. Sie räumt ein, dass nicht alle erhobenen Daten verwertbar seien. Passon listet die Mittelwerte aus Pre- und Post-Fragebogen und den Grad der Veränderung im Regelunterricht. In den Lehrerfragebögen überschreiten die Veränderungen den Wert von +0,4 nicht, von schwachen positiven Veränderungen im in der Kategorie Verstehen (Erschließungsstrategien) bis zu etwas stärkeren positiven Veränderungen in den Kategorien Performanz (Selbstvertrauen), Haltung, Sprechen (Flüssigkeit), Verstehen und Sprechen (Wortschatz). Erstaunlich sind im Vergleich die Ergebnisse der Schülerfragebögen, die mehrfach negative Veränderungen im Verhalten im Regelunterricht aufweisen.

Im siebten Kapitel („Diskussion der Ergebnisse“) diskutiert Passon die Antworten auf die anfangs gestellten vier Forschungsfragen (siehe oben). Aus ihrer Sicht als teacher-researcher, v.a. anhand der von ihr ausgewählten Fallanalysen, „kann von einer starken positiven Auswirkung von theatre education auf die allgemeine kommunikative Fremdsprachenkompetenz ausgegangen werden“ (239). Sie wertet die Ergebnisse der Triangulation der Daten aus und beantwortet alle vier Untersuchungsfragen positiv.

Im achten Kapitel („Zusammenfassung und Ausblick“) fasst Passon die vorangegangenen Kapitel zusammen und wagt dann auf fünf Seiten einen Ausblick auf mögliche fachdidaktische Konsequenzen ihrer Arbeit. Sie stellt zunächst fest, dass das „Themenfeld performative Fremdsprachenkompetenz“ (251) noch zu wenig erforscht sei und ein Kompetenzmodell samt Operationalisierung noch ausstehe. Angelehnt an Hallet (2010) und Bachman und Palmer (1996) entwirft sie ein Modell, das einige ihrer Forschungsbereiche (Kategorie 4: Selbstvertrauen, Kategorie 5: Erkennen der künstlerischen Qualität, Kategorie 6: Wissen über Inszenierungen, Kategorie 7: Haltung) integriert, aber zu den für den Fremdsprachenunterricht relevanten Kategorien Verstehen (K1), Verstehen und Sprechen (K2), Sprechen (K3) keine differenzierten Aussagen macht. Sie plädiert dafür, die ausgewiesene Kompetenz Sprechen in den Bildungsplänen die Komponente ”performative Kompetenz” hinzuzufügen und macht Vorschläge zur Erweiterung des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen: „Die Schülerinnen und Schüler (SuS) können Szenen über vertraute […] Themen ästhetisch-expressiv darstellen, im Rahmen von inszenierten Wirklichkeiten ihre Meinung ausdrücken und Informationen austauschen“ (254).

Folgende Aspekte sind in Passons Arbeit kritisch zu sehen:

In dieses Buch ist offensichtlich viel Arbeit geflossen. Nichtsdestoweniger haftet Passons Werk eine Unentschiedenheit an. Sie möchte zeigen, dass Shakespeare in der Realschule funktioniert – das glauben wir ihr gerne – und dass die Schülerinnen und Schüler einen Mehrwert durch die Beschäftigung mit Shakespeare erfahren. Diesen Beweis erbringt Passon allerdings nicht und bietet darüber hinaus auch zu wenig konkrete Hilfen an. Der Leser sucht vergebens nach den genannten Rollenkarten, Redemitteln, Empfehlungen für vereinfachte, gut einsetzbare Textversionen etc. Weiterhin hört diese Studie an der Stelle auf, an der es eigentlich interessant wird und der Forschung bedarf. Dass Drama und Theater sowohl muttersprachliche als auch fremdsprachliche Schülerinnen und Schüler in vielerlei Hinsicht fordern und fördern, ihnen andere Fähigkeiten und Fertigkeiten, Lernzugänge und Bearbeitungstiefen abverlangen und bieten als der Regelunterricht, ist in der Literatur hinreichend diskutiert und gezeigt worden. Es fehlt, wie Passon selbst schreibt, eine Verankerung im Englischunterricht (256). Dieser Herausforderung hat sich die Autorin selbst nicht gestellt. Mit ihrem außercurricularen Design umgeht sie die ausstehende Formulierung und Erprobung von Kompetenzbereichen, Qualitätskriterien, Indikatoren und Vorschlägen zur Leistungsmessung performativer Kompetenz. Dies ist der Hauptkritikpunkt an dieser Arbeit. Zusätzlich plädiert Passon für eine Reform der (baden-württembergischen) Bildungsstandards und für eine neue Lehrerausbildung. All dies sind unbestritten wichtige Aspekte, die aber in ihrem Buch nicht in ausreichender Breite und Tiefe diskutiert werden (können). Das ist ganz schön „much ado“.