Scenario

1649-8526Jahrgang XAusgabe 2Jahrgang 2016
TuT − Texte ums Theater – TuT

Zum Theater!

Lili Grün

In dieser Rubrik Texte ums Theater stellen wir historische und zeitgenössische, kulturübergreifende bzw. -spezifische, unvermutet schräge, ungewöhnlich spannende, verstörend mitreißende, faszinierend schillernde etc. Perspektiven aufs Theater vor.

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In ihrem 1935 unter dem Titel “Loni in der Kleinstadt” erstmalig veröffentlichten autobiografischen Roman Zum Theater! erzählt Lili Grün die Geschichte der jungen Loni Holl, die sich danach sehnt, Schauspielerin zu werden. Nur beim Theater sieht sie für sich die Möglichkeit, ihrem langweiligen Alltagseben zu entkommen. Zielstrebig verfolgt sie ihr Ziel und mit einem Engagement in der Provinz eröffnet sich endlich die Chance auf das lang ersehnte Debüt. Zwischen Proben, Auftritten und verunsicherndem Privatleben muss sie sich auf Rollen vorbereiten, ihre Miete zahlen und ihren Hunger stillen. Der folgende Auszug vermittelt einen Eindruck von den ersten Gehversuchen auf den Brettern, die für Loni die Welt bedeuten.

Neben “Zum Theater!” veröffentlichte die 1904 in Wien geborene Lili Grün 1933 den Kabarett-Roman “Herz über Bord” (Neuausgabe unter dem Titel “Alles ist Jazz”). 2014 erschienen unter dem Titel “Mädchenhimmel!” erstmals Lili Grüns Gedichte und Geschichten, 2016 kam Lili Grüns 1936/37 im “Wiener Tag” erschienener Roman “Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit ...”, erstmals in Buchform heraus (alle herausgegeben von Anke Heimberg). Als jüdische Schriftstellerin konnte Lili Grün danach keine weiteren Texte publizieren, 1942 wurde sie im weißrussischen Lager Maly Trostinec ermordet.

***

Es wird ernst. Bald beginnt die Vorstellung und Kurt Brambach, der die Conférence übernommen hat, wird über Loni einige chamante Worte sagen und sie dann erbarmungslos auf die Bühne schicken ... Loni denkt: Ich möchte krank werden und nach Hause gehen und ich weiß, es wird schrecklich werden, ich werde steckenbleiben, man wird mich auslachen.

„Servus, Kinder, alle miteinand!“

Das ist natürlich die Hartenstein. Im schwarzen Samtkostüm. Wozu sie bloß so kurze Röcke trägt? Schön sind ihre Beine nicht. Jetzt hat sie Frau Sonja Müller erkannt und begrüßt diese überschwenglich. Brambach ist im Smoking und der kleine, blonde Fred Markus trägt heute zum ersten Male ein Monokel.

„Wer fehlt noch?“ fragt Brambach streng.

Es fehlen noch: Herr Gottlieb Stangl, der Lieder zur Laute singen wird, und Fräulein Betty Bierbach, die in Wien zwei Jahre tanzen gelernt hat und heute die ‚Dorfmusik‘ in ganz neuer und eigener Auffassung interpretieren wird. Beide Herrschaften wirken aus Gefälligkeit mit. Um Applaus muß ihnen nicht bange sein.

Die Hartenstein hat sich zu Sonja Müller gesetzt und spricht lebhaft und mit vielen Gesten. Sonja Müller nickt zu allem, was sie hört und hie und da sagt sie auch: ja oder nein.

Kurt Brambach ruft: „Herrschaften, das wird eine nette Blamage werden. Ich habe mir überhaupt keine Conférence zurechtgelegt.“ Er klemmt sein Monokel ein und lacht amüsiert.

Der kleine Markus steht düster in der Ecke und bewegt lautlos die Lippen. Er memoriert.

Betty Bierbach und Herr Gottlieb Stangl sind gekommen. Hinter ihnen erscheint Frau Wind. Sie ringt die Hände: „Liebster, bester Brambach ... alle Leute sind erschienen. Ich fürchte, wir müssen anfangen.“

„Sie fürchten, gnädige Frau ... Ich fürchte. Aber nur keine Angst, Herrschaften, es wird schon schief gehen.“

Er eilt hinaus. Die Vorstellung soll beginnen. Frau Wind eilt taftknitternd hinter ihm: „Herr Brambach, was ich noch sagen wollte.“ Die anderen bleiben stumm zurück. Eva Hartenstein räuspert sich. Sie horchen gespannt auf die Vorgänge im Saal nebenan. Es klingelt, es klingelt nochmals. „Ruhe!“ ruft jemand und ein anderer: „Hallo, Herr Ober!“

Applaus. Kurt Brambach hat das Podium betreten. Man kann vernehmen, was er spricht. Loni weiß es längst auswendig, daß er jetzt in launiger Weise erzählt, daß kein Kollege der Erste im Programm sein will. Daher habe er kurz entschlossen die erste Nummer überhaupt gestrichen und als Zweiter werde Kurt Brambach mit seinen Zauberkunststücken ...

„Hier, bitte, meine Herrschaften ... meine beiden Hände sind leer ...“

Loni seufzt. Die endlose Qual dieser Minuten ist tausendmal ärger als alles bisher erlebte Lampenfieber. Betty Bierbach ist aus einem improvisierten Ankleideraum zurückgekehrt, sie trägt einen rose Tanzkittel, der formlos an ihrem mageren kleinen Körper hängt. Sie steht in einer Ecke und probt mit ernstem unbeweglichen Gesicht Tanzposen. Gottlieb Stangl zupft an seiner Laute. Loni ist totenübel zumute. Unter rasendem Herzklopfen, mit schmerzendem Magen erlebt sie geistesabwesend die Rückkehr Kurt Brambachs. Betty Bierbach im rosa Kittel, mit nackten Beinen, geht tanzen. Die Leute applaudieren. Betty Bierbach kehrt strahlend zurück, ihr Gesicht leuchtet. Die Leute applaudieren immer noch. Sie huscht leichtfüßig in den Saal zurück, um sich abermals zu verbeugen. Atemlos und erhitzt, mit Blumen in den Händen taumelt sie schließlich ins Zimmer.

„Jetzt gehe ich mich umziehen und dann schaue ich euch zu“, verspricht sie gnädig, bevor sie in den Ankleideraum geht.

Gottlieb Stangl singt das Lied vom Hans und der Liese.

„Mach‘ dich bereit“, flüstert Kurt Brambach Loni zu.

Loni sieht ihn flehend an. Könnte man nicht rasch todkrank werden, überlegt sie. Aber sie sieht es selbst ein, man könnte nicht.

Kurt Brambach unterbricht den nicht endenwollenden Applaus nach Gottlieb Stangl und kündet in den verklingenden Lärm klirrender Gläser, klappernder Teller „unsere kleine, liebe Loni Holl“ an.

Der Klavierspieler trinkt einen Schluck Bier und macht für Loni einen Tusch. Kurt Brambach küßt Loni die Hand und führt sie aufs Podium. Ohne Partner, ohne Kulisse, einsam und allein, einem rauhen und unerbittlichen Schicksal überlassen, dem sie Auge in Auge gegenübersteht, so bleibt sie zurück. Welch ein Wunder: sie spricht, sie bewegt sich, sie lacht. Sie spielt ihre Gedichte ganz allein. Sie erkennt den Apotheker Mahlmann und Dr. Liebig, den Kaufmann Neruda aus der Jakobsgasse. In der ersten Reihe sitzt Frau Angelika Wind, sie lächelt unentwegt mit weiß-rosigem Gesicht. Ihre Augen sind halbgeschlossen, ihr Kopf sinkt langsam auf die Brust, ihr linker Schuh steht einsam unter dem Tisch. Vergnügter, lachender Applaus setzt ein. Frau Angelika Wind erwacht, sie klatscht lebhaft.

Loni kehrt aufs Podium zurück und verbeugt sich. Sie verneigt sich noch einmal und begreift: Ich muß noch ein Gedicht draufgeben.

Die unruhig summende, lachende, applaudierende Menge beruhigt sich langsam, ein Vater ruft, flüstert seine Kinder zur Ordnung. Der Kellner bringt Kuchen. Jetzt ist es ruhig geworden ... Loni beginnt abermals zu sprechen.

Aus: Lili Grün (2001): Zum Theater! Roman. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg, Berlin, AvivA Verlag, 151–155.